Nur noch 20 Minuten 

Wieviele Wanderungen hast du in deinem Leben schon gemeistert? Nein, mit Wanderungen meinen wir nicht spazieren gehen mit einem leckeren Picknick. Wir meinen dieses Wandern mit mehrfach durchgeschwitzten Klamotten, mit Blasen an den Füßen, mit Fluchen und Flennen, mit Kapitulationsgedanken, der von eisernem Willen gebrochen wird um dann den Grund zu sehen, warum man das alles auf sich genommen hat.
Wir wussten eigentlich was auf uns zukommt und doch hat sich unser Kopf noch bis zum Aussteigen aus dem Shuttle dagegen gewehrt, es für die Realität zu halten. Da waren wir also, am Fuße des Acatenango Vulkans in Guatemala mit unseren acht Weggefährten aus der ganzen Welt, die genau so wenig wie wir ahnten, was uns allen bevorstand.

Touranbieter

Wir haben mit Gilmer Kontakt aufgenommen. Er hat sehr gutes Feedback auf TripAdvisor bekommen und sollte sich als die perfekte Wahl entpuppen. Gilmer’s Guides sind in einem Dorf am Fuße des Vulkans aufgewachsen, kennen die Berge also wie ihre Westentasche. Der Hike ist nicht gerade ungefährlich. Im Januar 2017 sind sechs Menschen auf diesem Berg zu Tode gekommen. Gute Ausrüstung, ausreichend Verpflegung und ein guter Guide sind unabdingbar, wenn man an seinem Leben hängt. Wir haben bei Gilmer, den man unter sologui5630@gmail.com erreichen kann, 300 Quetzal, umgerechnet 38 Euro, gezahlt. Das Mittagessen bestand aus Hähnchen, Reis, Brot, das Abendessen aus Spaghetti, Tacos und Bohnenpaste. Sogar für heiße Schokolade und Marshmallows wurde gesorgt. Andere Unternehmen bieten lediglich Tütensuppen und ein Sandwich an. Das Equipment war hochwertig und gepflegt, eine warme Jacke, Handschuhe oder eine Mütze kann man für eine kleine Summe mieten.

Wir schoben unsere Körper also Schritt für Schritt in Richtung Berg und dann den Berg hinauf. Und schon nach den ersten steilen Metern kam der erste Rückschlag. Ein kurzer Bauchkrampf, ein Moment Gänsehaut und schon war es passiert, Sebastian hatte sich am Wegrand übergeben.
Hintergrundgeschichte: Sebastian hatte schon in der Nacht vor dem Marsch Magenschmerzen und auch morgens gings ihm nicht besser. Samira: „Du bist bestimmt nur aufgeregt. Beruhig dich jetzt mal ein bisschen, das wird schon…“ Wohl kaum. Für uns alle sollte der Tag sich in unser Gedächtnis einbrennen als ein unvergesslich schwerer Hike, vielleicht das härteste, das wir uns je zugemutet haben. Für Sebastian sollte es die Hölle auf Erden werden, spuckte er alles, was er zu sich nahm innerhalb weniger Minuten wieder am Wegrand aus.

Lose Gesteinsbrocken, steile Schotterpisten, schwarzer Staub, 27 Grad Celsius und 15 Kilo auf dem Rücken machten uns das Leben schwer. Wir kämpften mit allem: dem Weg, der Hitze, dem Staub, dem Unwohlsein und den zitternden Beinen. Und wir alle fragten uns eigentlich permanent: „Warum zur Hölle mache ich das hier eigentlich? Gibt es nicht irgendwo einfach einen Lift, den ich nehmen kann? Wie lange dauert es noch?“ Die Antwort der Guides: „Noch zwanzig Minuten.“ Immer sollten es nur noch zwanzig Minuten sein und immer waren es mindestens dreißig Minuten und das nur bis zur nächsten Pause und danach waren es wieder nur noch zwanzig Minuten. Jaja. Das Spiel spielten sie ganze fünf Stunden mit uns, bis wir nach einem längeren Stück ohne Anstieg um eine Ecke bogen und auf einen Schlag für alles entlohnt wurden, was wir vorher verflucht hatten. Es war der Moment, in dem uns Tränen in die Augen schossen ohne das wir es merkten, weil alle Sinne starr auf diesen einen Punkt gerichtet waren – auf das orangene Magma, das wie Blut aus der Spitze eines Bergs spritzte. Es war diese unglaubliche Naturgewalt, die sich von ihrer besten Seite zeigte und uns bewies, wie klein wir Menschen in dieser unfassbar großen, mächtigen Welt sind. In dieser kurzen Pause luden unsere Körper ihre Batterien ad hoc auf und wir rannten dem Base Camp, noch zwanzig Minuten entfernt 😊, entgegen.

 
Das Base Camp war der Punkt auf dem Berg, an dem wir unsere Nacht verbringen sollten. Es wurden Zelte aufgebaut, Feuerholz gesammelt und Marshmallows gegrillt – währenddessen der benachbarte Vulkan ununterbrochen Feuer spieh. Es schien, als ob er seine ganze Kraft für uns aufgehoben hätte, er spuckte und spuckte, Lawa rann den Vulkanrücken herunter, riesige Staubwolken bedeckten immer wieder den ganzen Himmel und verdeckten die Sonne. Ein Spektakel, das man maximal für einen Wimpernschlag verpassen wollte. Das Bild wurde von der dichten Wolkendecke unter uns vervollständigt, die hier und da von einem der vielen Vulkanspitzen durchbohrt wurde. Wir fühlten uns meilenweit weg von der Menschheit da unten, man hörte kein Vogelzwitschern mehr und kein Motorengeräusch, nur das bedrohliche Grollen des Fugego.

Während des Abendessens ging die Sonne unter, es wurde bitterkalt und alle rückten näher an das Feuer, nur einer nicht, der übergab sich wieder und wieder, litt unter Schüttelfrost, der auch nicht weggegangen wäre, wenn er sich mitten ins Feuer gesetzt hätte. Zum Glück hat man auf so einem Berg den Luxus KEINE Toilette zu haben, genau das braucht man bei einer Lebensmittelvergiftung oder einem Magen-Darm-Virus am Meisten. Auch eine unbequeme Nacht zu viert in einem winzigen Zelt ist sicherlich nichts, was man sich in so einem Moment wünscht. Die Anwesenheit der beiden Norweger (beide Ärzte), mit denen wir das Zelt teilen mussten, möchten wir dennoch nicht missen. Sie waren es, die Sebastian eine Dosis verschiedenster Medikamente verabreichten und ihn zumindest für Teilstrecken wieder fit machten. Und lang war die Nacht dann auch nicht, denn um 4:30 Uhr ging es das letzte Stück hoch bis zur Spitze des Acatenango, um den Sonnenaufgang auf fast 4.000 Metern beobachten zu können. Hätte uns jemand gesagt, wie verdammt anstrengend dieses letzte Stück werden würde, wir hätten uns beim Weckruf maximal auf die andere Seite gerollt und wären geblieben, wo wir waren. Diese letzten eineinhalb Stunden waren brutal. Es war stockdunkel, es herrschten eisige Temperaturen, der Weg war noch steiler, als alles, was wir am Vortag geklettert waren. Der Untergrund setzte sich aus kleinen Steinen zusammen, die wie Sand bei jeder Bewegung nachgaben. Stellt euch vor, ihr sollt eine überdimensionale, unbefestigte Sandburg besteigen. Selbst eure Hände, die sich verzweifelt in den Sand vor euch bohren, bekommen nur loses Material zu fassen und es gibt einfach nichts an dem man sich abstützen, hochziehen oder einfach nur halten kann. Hier wächst kein Baum mehr, keine Wurzel mehr, die einem Halt gibt, man ist umgeben von Schotter und Staub. Jeder Schritt vor bedeutete drei Schritte zurück.
Die letzten Meter war Samira kurz vorm Aufgeben. Angefeuert von Sebastian und einem Guide „nur noch fünf Minuten!“ schafften wir es aber noch rechtzeitig zur Spitze und hatten einen wunderbaren Blick auf das Straßennetz der am Fuße des Berges liegenden Städte. Der Fuego hatte sich mittlerweile beruhigt und stieß nur noch von Zeit zu Zeit dunkle Wolken aus, Feuer sollte er aber nicht mehr spucken, hatte er seine ganze Wut und Energie wohl am Vortag und in der Nacht rausgelassen. Um so besser. So waren wir nicht abgelenkt und konnten unseren 360-Grad-Blick über das uns zu Füßen liegende Land schweifen lassen. Kurz bevor die Sonne am Horizont erschien, tauchte sich die Welt um uns in ein magisches rosa-blau Gemisch. Momente, die sich für alle Ewigkeit in unsere Köpfe brennen sollten. Die einzelnen Menschen, die sich vornüber gebeugt durch den eisigen Wind kämpften und sich nur als schwarze Schatten von diesem wunderschönen Farbenspiel abhoben, die Sonne, die sich lautlos aus der Dunkelheit stahl und einen herrlichen Tag eröffnete. Wir sind überglücklich das erlebt zu haben. Ein Gefühlschaos bricht auch jetzt beim Schreiben noch über uns herein. Wir waren erschöpft, irgendwie traurig, dass wir es beinahe nicht geschafft hätten, dass wir kurz den Glauben an uns verloren hatten und dann machte sich der Stolz Platz in unseren Köpfen. Wir hätten schreien können vor Glück, wir hatten die körperlichen und psychischen Grenzen überwunden und wurden mit einem der genialsten Blicke belohnt, die die Welt für uns bereit hält.

Den Weg runter sprangen wir in das Geröll, rutschten aus, rollten uns den Berghang herunter, alles viel einfacher als der beschwerliche Weg hoch. Leider ging es ab dem Base Camp nicht so einfach weiter. Nach einem kleinen Frühstück und dem Erinnerungsgruppenfoto ging es den Weg zurück. Sobald es bergab ging hatten vor allem wir beide große Probleme. Unsere Schuhe, nun mehr seit zehn Monaten unsere treuen Begleiter und dementsprechend abgelaufen, haben so gut wie kein Profil mehr. Wir rutschten aus, permanent, knallten mit Hintern, Ellebogen oder Steißbein auf den Weg, klammerte uns an die Stöcke in unseren Händen, die andere Hand immer auf der Suche nach etwas Greifbarem, das uns vor dem Sturz bewahren könnte. Ätzend! Von der Wärme, dem Staub und den ganzen Steinen in unseren Schuhen ganz zu schweigen.

Wir machten drei Kreuze, eher sogar zehn, als wir am Ausgangspunkt des Tripps ankamen und uns in die Sitze des Shuttles fallen lassen konnten.

Die Besteigung des Vulkan Acatenango

Je nach Anbieter startet die Tour zwischen 6 und 9 Uhr. Nach der ca. einstündigen Fahrt von Antigua zum Fuß des Vulkans Acatenango, steht die fünf- bis sechsstündige Besteigung des Bergs an. Am Base Camp angekommen, hat man einen fantastischen Blick auf den aktiven Volcán de Fuego, Guatemala City, Antigua und die umliegende Landschaft.

Am nächsten Morgen geht es gegen 3.30 Uhr die letzten 500 Höhenmeter zum Gipfel des Vulkans  (3.976 Meter). Nach Bestaunen des Sonnenaufgangs geht es Richtung Abstieg, der zwei bis drei Stunden in Anspruch nimmt. Gegen Mittag ist man zurück in Antigua. 

Fazit: Dieser Ausflug hat uns über unsere Grenzen hinauswachsen lassen und uns mit einem unglaublichen Naturspektakel belohnt, das wir als DAS Highlight unserer Reise bezeichnen.

Weitere Infos zu Anbietern, Do’s and Dont’s und andere Tipps haben wir in einem Gastbeitrag für die Seite Backpackerstory zusammengestellt.

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7 Gedanken zu “Nur noch 20 Minuten 

  1. Ein toller Bericht von einer wahrscheinlich einmaligen Wanderung. Wie steil die Wege waren, kann man auf den Photos gar nicht richtig erkennen. Aber ich nehme an, dass sie auf- wie abwärts schwer an den Nerven zerrten… Aber: durchgehalten – gut gemacht!

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  2. Super toll geschrieben, man könnte beim Lesen richtig mitfühlen und mitfiebern. Echt eine tolle Leistung, dann können wir ja bald mit euch die Zugspitze erklimmen, idealerweise aber mit richtigen Wanderschuhen 😄..

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  3. Ich muss sagen: Für mich einer der besten Berichte von Euch! Einfach toll geschrieben und unglaublich was ihr da geleistet habt! Und Respekt Seppi: das alles mit Magen-Darm ist ja wohl doppelt so schlimm, wie es anscheinend eh schon war!

    Einfach toll!!!

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