1,2,3. Bitte lächeln, Kuba

Oh ja, es sollte der krönende Abschluss eines elfmonatigen Abenteuers werden. Die Königin der Karibik lud ein, trotz allem, was wir gesehen haben, sicherlich ein Highlight. So ganz anders, natürlich, unverfälscht, sozialistisch und überaus gastfreundlich … dachten wir. Doch es kam irgendwie anders. Am Flughafen Havanna angekommen schlug uns bereits ein muffiger Geruch entgegen, bunt gekachelte Fliesenwände in den Tönen der Siebziger und Kubaner, die völligst gelangweilt am Einreisecounter den nächsten Touristempel in den Reisepass hauten. Huch. Warum so genervt? Naja, jeder hat mal nen schlechten Tag und es kann auch passieren, dass einfach alle Menschen gleichzeitig mal einen schlechten Tag haben. Sicher. Auch der Taxifahrer war nicht sonderlich gut gestimmt. Nach einem netten Plausch mit der Amerikanerin, mit der wir uns das Taxi in die Stadt teilten, munterte er aber auf und war am Ende der Fahrt dann doch ganz handzahm. Flirten mögen sie also, die Kubaner.

Kuba

Die Geschichte Kubas

War Kuba seit dem 16. Jahrhundert unter spanischer Kontrolle, gelang mit Hilfe der Amerikaner die Unabhängigkeit im Jahr 1902. Ab diesem Zeitpunkt allerdings hatte die USA großen Einfluss auf Kuba und eine Souveränität des Landes existierte nicht. Ab 1959 stürzten die Revolutionäre Fidel und Raúl Castro, Camilo Cienfuegos und Ernesto „Che“ Guevara den amtierenden Diktator und errichteten ab 1961 einen sozialistischen Staat. Im Zuge dessen wurde alles, was zuvor den USA oder dessen Bürgern gehörte, enteignet. Die Folge waren ein Embargo und einige Krisen (Kubakrise, Massenflucht in die USA etc.).

Das Ende der UdSSR führte zu einer weiteren Krise, von der sich das Land bis heute noch nicht erholt hat. Gegenwärtig öffnet sich Kuba den USA (mittlerweile werden wieder Direktflüge angeboten), wir dürfen also gespannt auf die Auswirkung dieser Neuerung sein.

Eine Unterkunft in Havanna zu finden gestaltete sich im Vorfeld schon relativ schwierig. Unser geliebter Partner booking.com ließ uns aufgrund seiner amerikanischen Identität hängen und ein anderes zuverlässiges Verzeichnis aller budgetfreundlichen Unterkünfte fanden wir nicht auf Anhieb. Über airbnb und homestay.com ließen sich dann aber doch die sogenannten Casa Particulares finden – Zimmer bei kubanischen Familien. Hier wohnt man in einem Raum meistens mit Badezimmer und kann sich den morgendlichen Smalltalk der Hauseigentümer, deren Familien und die Rufe der Straßenverkäufer aus nächster Nähe anhören. Das echte Kuba also. Wir übernachteten die ersten Tage bei German (ja, er heißt wirklich so) und Yunier in Centro Habana (Havanna-Mitte), ganz in der Nähe des Parque Central. Wir heben die Location so hervor, weil die Straßen in Havanna unterschiedlicher nicht sein könnten.

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Das Zeichen für eine Casa Particulares
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Unsere Gastgeber German und Yunier

Centro Habana

Centro Habana erinnert teilweise an einen Kriegsschauplatz, die Folge des Verfalls nach der kubanischen Revolution. Die Häuser reihen sich eng aneinander und halten sich so gegenseitig aufrecht. Immer mal wieder gibt es Geisterhäuser, deren glasscheibenlose Fenster und fehlende Dächer zeigen, wie hässlich Altbauhäuser sein können. Die Straßen sind mit Staub und Schutt überzogen. Jeder Windstoß bläst einem die winzigen Körnchen in die Augen und den beißenden Geruch einer Urin-Tierkadavermischung in die Nase. Unschön können wir euch sagen, aber eben das echte Kuba, pures Havanna.

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Ein chicer Oldtimer vor einem „Altbau“ in Centro Havana
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Leider überall zu sehen: Bauruinen
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Kontraste

La Habana Vieja (Old Havana)

Das geht natürlich auch nobel aufgehübscht und in pastellfarben gehalten, dass es zu den beigefarbenen Hüten der Touristen passt. Das dann im Viertel Vieja, dem Anlaufpunkt aller Varadero-Tagesausflüge oder Kreuzfahrtschiffkurzbesucher. Farblich passend und poliert sind auch die Oldtimer, die wie Spielzeugautos immer die gleiche Route durch die Stadt fahren und Selfiestangen schwingende, vor Freude jauchzende Damen und auf Wolke 7 schwebende Herrschaften transportieren. Oldtimer werden tatsächlich in ganz Kuba gefahren, meistens als Taxi. Oft sind diese aber mit Wandfarbe bemalt, die Innenausrüstung ist noch wie vor der Revolution und der Fahrkomfort weit von dem eines 25-jährigen Opel Corsa entfernt. Nicht vergleichbar mit dem Luxus-Ledersitz-Caprio à la Elvis Presley, das die Touristen sich für stolze 50 CUC (über 45 Euro) für 90 bis 120 Minuten mieten können.

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Oldtimer soweit das Auge reicht
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Ein seltenes Bild in Kuba, ein Kubaner mit Zigarre
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So stellt man sich Kuba vor, eine farbenfrohe Stadt mit bunten Autos.
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Che Guevara Abbild
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Der schöne Plaza Vieja ist ein Touristenmagnet

Zurück in die karibische DDR
Irgendwie wirkt es alles inszeniert und künstlich, einen Einblick ins richtige Havanna bekommt man in diesem Viertel nicht, in den anderen Stadtteilen dafür teilweise zu viel. Wir waren geschockt. Geschockt von den Lebensumständen, von der Lebensmittelauswahl, von den Preisen, von der Aufgeschmissenheit ohne Internet, von den Gerüchen, dem Dreck, der Lautstärke. Neben dem permanenten Geräusch von surrenden Ventilatoren oder Klimaanlagen, hören die Kubaner ausgesprochen gerne Musik. Laute Musik, spanischsprachig, rhythmisch variierend zwischen Salsa und Pachanga, für uns Europäer aber kaum voneinander unterscheidbar und daher nach einer Zeit immer das gleiche Rassel- und Bratschengeräusch. Monoton und irgendwie nervig. Immer mal wieder mischt sich auch ein Sean Paul dazwischen, für uns ein Lichtblick im Musikwirrwarr. Wir sehen rot, blau, weiße Flaggen mit Sternen. Nein, nicht nur einem Stern, ganzen 50. Und die Kubaner tragen diese Flagge gerne, wieder etwas, mit dem wir von Erzählungen und durch die geschichtlichen Übertragungen nicht gerechnet hätten.

Ab ins Landesinnere

Als wir Havanna verlassen wollten, nahmen wir die Warnung, das Busticket Tage im Voraus zu buchen, nicht ernst. Was? Wir sollen zwei Tage vorher extra zum Busterminal fahren und uns das Ticket kaufen, sonst besteht das Risiko am gewünschten Tag nicht mitgenommen zu werden? Nö. so viele Touristen werden schon nicht in die gleiche Richtung fahren wollen und wenn wir zwei Stunden vorher da sind, wird das schon klappen. Pustekuchen. Von einem zum anderen Schalter geschickt, in falschen Schlangen angestanden und nach drei Stunden Wartezeit wurden die Resttickets an alle anderen verkauft, nur an uns nicht. Wir hätten uns frühzeitig melden sollen. Bitte!? Wir stehen seit drei Stunden vor diesem blöden Schalter und warten auf eine Auskunft. Und dann kommt da dieses berliner Mädchen um die Ecke und fragt so locker flockig: „Hey, wo wollt ihr denn hin? Ich bin offen und mach das spontan … sollen wir uns ein Taxi teilen?“ Jamila ließ sich nicht von unserer schlechten Laune abschrecken, wir einigten uns auf das Ziel Trinidad und fuhren mit einem illegalen Taxi auf der Autobahn zusammen mit Pferdekutschen über Umwege nach Trinidad.

Trinidad

Trinidad soll eine schöne Stadt sein. Und tatsächlich ist es hübsch hier. Bunt restaurierte Häuser, weniger Verkehr als in Havanna und Kopfsteinpflasterstraßen mit Marktplatzcharakter, die sich am Abend zu Salsastätten für Touristen (und Einheimische) verwandeln. Ganz nett, aber doch wieder so touristisch! Die alten Männer, die Musik aus Leidenschaft spielen, hören auf, sobald man das Smartphone oder die Kamera zückt und verweisen kopfschüttelnd auf den Hut vor sich. Erst zahlen, dann fotografieren! Oh man. Wo ist denn dieses tolle Kuba mit den hilfsbereiten, freundlichen Menschen, die mit dir nichts weiter als Spaß haben wollen? Wir fragen verschiedene Reisende, die Kuba schon vor mehreren Jahren bereist haben. Alle sind sich einig, es war schon schöner hier. Einen Grund für den Wandel sehen viele in der Möglichkeit, ein eigenes Business aufzubauen. Wer in Kuba ein schlichter Bauer ist, verdient nicht mehr als 5 Euro im Monat. Erschreckend! Noch erschreckender aber ist die Tatsache, dass Lehrer und Ärzte mit nicht viel mehr über die Runden kommen sollen. Dann vermietet man doch lieber das fensterlose Zimmer im Haus für 25 Euro pro Nacht oder man fährt Taxi und verdient sich ein „goldenes“ Näschen damit (zumindest im Vergleich zu den Kollegen, die sich weiterhin der Medizin oder dem Lehrauftrag widmen). So wird man Konkurrent. Und Konkurrenz belebt zwar das Geschäft, aber nicht das Leben miteinander. Touristen werden als Geldquelle gesehen und immer weniger als persönliche Bereicherung.

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Unsere „mitreisende“ Jamila
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Trinidad von seiner schönsten Seite

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Ohne Moos, nix los.

Next stop: Cienfuegos

Aber vielleicht ist dieser Trend noch nicht auf die Perle des Südens, Cienfuegos, übergeschwappt. Wir wollen es herausfinden, zusammen mit Jamila, die nicht nur namentliche Ähnlichkeiten mit Samira hat, sondern auch persönlich in unser Duo passt. Mit ihr haben wir nun unseren Travelbuddy für Kuba gefunden. Cienfuegos gefällt uns besser als Trinidad, weil hier einfach weniger Touristen in Bussen angekarrt werden. Die Architektur ist, wie überall in Kuba, unbestechlich genial. Altbauliebhaber kommen auf ihre Kosten. Große Plätze, direkte Meerlage und Lokalitäten rundum. Nett für die Durchreise zum Verschnaufen, aber trotzdem kitzelt es uns nicht so sehr wie andere Städte, die wir auf unserer großen Reise schon gesehen haben. Wir buchen nach langem Hin und Her für das Ende des großen Abenteuer Weltreise einen All-inclusive Urlaub, weil uns Kuba einfach nicht für sich gewinnen kann.

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Wundervolle Architektur in Cienfuegos
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Die Einkaufsstraße

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Sonnenuntergang am Hafen

Varadero, das All-inclusive Urlaubsparadies

Das All-In Mekka Kubas ist das nördlich gelegene Varadero. Die Kanadier haben zu Varadero ein Verhältnis wie die Deutschen zu Mallorca oder Australier zu Bali. Flugpreisschnäppchen, keine super lange Anreise und „günstige“ Preise (für Kanadier vielleicht!) locken und sind Grund für Hotelketten entlang des wunderschönen Karibikstrandes. Wir können es Kuba nicht verdenken, denn hier kommen die Devisen ins Land. Aber … wie überall auf der Welt gilt: Ist man im All-inclusive Himmel, sieht man nichts vom eigentlichen Land, der Kultur und den Leuten. Man bekommt wenig mit von den Richtlinien der Regierung, den Problemen des Landes und dem Leben außerhalb des Hotels. Wir haben gelernt, dass ein Menschenleben in Kuba weniger als ein Kuhleben wert ist (Haftstrafen für „Kuhmorde“ liegen über denen eines Menschenmordes), aber dass mit Homosexualität toleranter umgegangen wird, als in anderen Ländern, in denen man es viel mehr erwarten würde. Wir haben unsere letzten Tage in Kuba noch mal genossen, versucht so viel Sonne zu tanken, wie möglich war und unsere Gedanken sortiert. Denn nach 328 Tagen weit weg von zu Hause, ging es dann am 16. März mit gemischten Gefühlen zurück nach Deutschland.

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Das Meliá Varadero…
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…mit netter All-inclusive Anlage.
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Türkises Wasser und feinster Strand. Was will man mee(h)r?
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Wir = Glück

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Wir haben unseren Traum gelebt.

Fazit: Zwar zieren Bilder und Gemälde Castros und Guevaras das ganze Land, doch der Sozialismus ist nur noch in Teilen spürbar. Als eines der wenigen Länder, die noch der Idee Karl Marxs folgen, kann es anziehend wirken. Wer sich wirklich für Land und Leute interessiert, sollte nicht ohne gute Spanischkenntnisse hierher kommen und sich von allen Touri-Ausflügen fernhalten. Denn entweder befindet man sich im „bunten“ Kuba, welches an einen Besuch im Disneyland erinnert, oder man sieht das „echte“ Kuba, mit veramten Menschen, die in teilweise menschenunwürdigen Umständen leben. Hier kann man aber sicherlich noch bedeutende und sehr interessante Begegnungen finden. Trotzdem steht Kuba vorerst nicht mehr auf unserer Bucketlist.

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Mit einem lachenden und einem weinenden Auge geht es zurück nach Deutschland.

 


5 Gedanken zu “1,2,3. Bitte lächeln, Kuba

  1. Hallo ihr zwei!
    Puuuhh das hört sich alles ziemlich traurig und erschreckend an 😦 Kuba stand bisher auch weit oben auf meiner Bucket-List aber das überlege ich mir dann besser nochmal… Authentisches Leben sehen,erleben ja gerne aber arme Menschen und menschenunwürdige Zustände nein danke. Man muss auch wirklich nicht alles sehen. Danke für diesen ehrlichichen Beitrag. LG Karo

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    1. Liebe Karo,
      lieben Dank für Deine Worte.

      Natürlich sollte sich jeder selbst ein Bild von den Umständen vor Ort machen. Anderen gefällt Kuba wiederum gut. Doch wir haben schon einige Erfahrungen gemacht und berichten daher immer ehrlich unsere Eindrücke.

      PS: Schön, dass du uns jetzt auch folgst.

      Liebe Grüße
      Samira & Sebastian

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  2. Vielen Dank an euch beiden, eure Eindrucke mit mir zu teilen und so schon mal erste Interessen fuer euren einen oder anderen Standort zu wecken. Danke fuer die Muehe!

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  3. Ich bin gerade auf euren Kuba Beitrag gestoßen und ihr sprecht mir aus der Seele. War 2014 da und mir hat es auch nicht sonderlich gefallen, die erschreckende Armut, die zwei Währungen die das komplette System zerstört -Ärzte werden Taxifahrer etc- und in jedem Restaurant sitzt man nur mit Touristen, da die Einheimischen es sich nicht leisten können, Kinder betteln einen um Seife an…Alle anderen die ich kenne, die da waren, fanden es ganz toll, was mich immer so irritiert hat, schön mal eine weitere ehrliche und kritische Meinung zu lesen.

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